Herzlich willkommen bei Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) MdB!

Rede im Deutschen Bundestag am 30. Januar 2002 zum Antrag Forschung an embryonalen Stammzellen

Deutscher Bundestag, 14. Wahlperiode, 214. Sitzung. Berlin, Mittwoch, den 30. Januar 2002, Seite 21219

Vizepräsident Dr. h. c. Rudolf Seiters: Ich gebe das Wort dem Kollegen Martin Mayer.

Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) (CDU/CSU): Herr Präsident! Meine Damen und Herren! Ich werbe um Zustimmung für den Antrag der Abgeordneten Böhmer, Renesse, Fischer und Seehofer, weil dieser Antrag einerseits auf christlichen Wertorientierungen aufbaut und auf die Empfindungen der Bürger in unserem Land Rücksicht nimmt, andererseits aber die Möglichkeiten der Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen in Deutschland nicht völlig verbaut.

Der Antrag ist in wesentlichen Aussagen deckungsgleich mit dem Papier, das Alois Glück und Horst Seehofer im vergangenen Jahr dem Parteivorstand der CSU vorgelegt haben.

Das christliche Menschenbild verpflichtet uns in besonderer Weise zum Einsatz für die Würde des Menschen und den Schutz des Lebens. Aus christlicher Sicht ist es aber auch eine große Verpflichtung, die durch die medi zinische Forschung eröffneten Perspektiven von Hilfe und Heilung auch dann zu nutzen, wenn es sich bisher nur um eine Option bzw. eine Hoffnung handelt.

In diesem Zusammenhang möchte ich einige Sätze zu den meist religiös geprägten Mitbürgern sagen, die uns viele, zum Teil anrührende Briefe geschrieben haben. Einer empfahl mir, die Frage zu stellen: Was würde Jesus dazu sagen? Meine Antwort war: Ich habe mir die Frage gestellt. Würde Jesus sagen, verlasst euch einfach auf die Bischöfe, oder würde er sagen: Denkt nach und verlasst euch auf euer Gefühl und euer Gewissen? Oder würde er vielleicht die provokante Gegenfrage stellen, wie wir in Deutschland mit den Kindern im Mutterleib umgehen, von denen im vergangenen Jahr 135 000 zwischen dem zweiten und dritten Schwangerschaftsmonat sterben mussten? Jeder gläubige Christ muss seine Antwort auf diese Frage suchen.

Heute ist viel von Tabubrüchen die Rede gewesen. Die Heilige Schrift nennt jedenfalls Beispiele für Tabubrüche wie die Heilung von Kranken am Sabbat. Auch in der Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen ist letztlich die Heilung von Kranken das Ziel.

Durch das Embryonenschutzgesetz wird der Import von im Ausland erzeugten humanen embryonalen Stammzellen nicht ausdrücklich verboten. Das wurde heute schon mehrmals festgestellt. Da deren Gewinnung nach dem derzeitigem Stand von Wissenschaft und Technik zur Tötung von Embryonen führt, ist der Import von humanen embryonalen Stammzellen rechtlich und ethisch problematisch. Dies gilt ungeachtet der mit der Forschung an diesen Stammzellen verbundenen Hoffnungen auf Heilung für schwerkranke Menschen. Der Antrag nennt deshalb strenge Bedingungen für den Import, die ich nicht mehr im Einzelnen ausführen muss.

Wir befinden uns in dem Dilemma, dass der Antrag die Forschung an Stammzellen vorsieht, die auf einem in Deutschland verbotenen Weg gewonnen wurden. Das Dilemma besteht aber auch bei denen, die die Stammzellenforschung in Deutschland verbieten wollen. Denn die Erkenntnisse, die aus der Forschung im Ausland gewonnen werden, werden natürlich auch in Deutschland zur Anwendung kommen.

Ich möchte noch eines hinzufügen. Wir führen heute eine sehr ernsthafte und wichtige Debatte. Der Erfolg oder Misserfolg der Forschung an Stammzellen im Ausland wird aber die öffentliche Meinung und Debatte in Deutschland stärker beeinflussen, als wir es in dieser Debatte können.

Nach Ansicht der Repräsentanten der deutschen Forscher stellt die Forschung an embryonalen Stammzellen den Schlüssel zur Erkenntnis und zur Nutzung aller Stammzellen dar. Dies wurde in den letzten Tagen noch einmal bestätigt. Ich will mir nicht anmaßen, dass ich diese schwierigen Fragen besser beurteilen kann als die Wissenschaftler.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Allein mit der Forschung an adulten Stammzellen lässt sich nach heutiger Erkenntnis deren Funktionsweise nicht feststellen. Hierzu bedarf es der Grundlagenforschung an embryonalen Stammzellen. Es besteht die Hoffnung, dass dadurch neue Erkenntnisse gewonnen werden. Per definitionem ist Grundlagenforschung immer etwas Ungewisses. Man kann letztlich nie mit Gewissheit sagen, welche Ergebnisse dabei herauskommen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren, der Mikrokosmos einer befruchteten menschlichen Eizelle und seine Entwicklung sind ein Wunderwerk der Schöpfung, dem wir mit ehrfürchtigem Staunen gegenüberstehen. Dieses Wunderwerk zu entdecken und zu verstehen, um Krankheiten besser begegnen zu können, ist eine faszinierende Aufgabe, von der wir die deutsche Forschung bei Beachtung strenger ethischer Grenzen nicht ausschließen sollten. Ich bitte deshalb um Zustimmung zu dem Antrag der Abgeordneten Böhmer und Seehofer.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU sowie der Abg. Andrea Fischer [Berlin] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Zur Information Wortlaut des Antrages Drucksache 14/8102

 

 

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