Herzlich willkommen bei Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) MdB !

Rede im Plenum des Deutschen Bundestages
14. Wahlperiode, 239. Sitzung, Donnerstag, 6.6.2002 zur Kernfusion: 

Dr. Martin Mayer (CDU/CSU): Das Thema der heutigen Debatte ist die Kernfusion. Kernfusion ist der Prozess, der in der Sonne natürlich abläuft. Aus der Verschmelzung von Atomkernen wird Energie erzeugt. Dieser Prozess soll auf der Erde in Kraftwerken zur Energiegewinnung genutzt werden. Die dazu notwendige Forschung zu fördern ist die Intention der Anträge von CDU/CSU und FDP, die der heutigen Debatte zugrunde liegen.

Ebenfalls zur Debatte steht der Bericht des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag, kurz TAB genannt. Dieser Bericht steht in seiner Tendenz der Kernfusion einseitig kritisch und den regenerativen Energien eher unkritisch gegenüber. Objektive Feststellungen und Wertungen werden in dem Bericht nicht klar voneinander getrennt. Damit steht der TAB-Bericht in gewissem Gegensatz zu dem von Basler und Hoffmann vorgelegten Gutachten, das dem Bericht zugrunde liegt. Dieser Wertungswiderspruch ist unverständlich und so nicht hinnehmbar. Es ist daher unerlässlich, bei der Entscheidung über die Kernfusion auch auf das Gutachten von Basler und Hoffmann zurückzugreifen.

Zustimmen möchte ich dem TAB-Bericht, soweit er eine breite Diskussion über Chancen und Risiken in der Öffentlichkeit in Gang setzen will. Die Kernfusion kann schließlich erst dann für die Energieerzeugung genutzt werden, wenn die technischen Aufgaben gelöst sind und diese Form der Energieerzeugung auch akzeptiert wird. Die Auseinandersetzung mit den Ängsten der Menschen ist letztlich genau so wichtig wie der technische Durchbruch.

Wie Sie unserem Antrag entnehmen können, unterstützt die Union die Fusionsforschung – dies aus gutem Grund. Denn es zeichnet sich doch bereits seit langem ab: Das weltweite Bevölkerungswachstum und die vermehrte Teilnahme der Entwicklungsländer an der allgemeinen Wohlstandsentwicklung werden zu einem immer weiter ansteigendem Weltenergieverbrauch führen. Trotz effizienter Energienutzung sowie Ausbau und vermehrter Nutzung erneuerbarer Energien wird sich deshalb im Laufe dieses Jahrhunderts eine immer stärkere Energielücke auftun.

Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Die fossilen Energieträger wie Kohle und Erdöl, die bisher zur Deckung des Energiebedarfs mit dem größten Prozentanteil beigetragen haben, sind nicht unerschöpflich. Und bedenken Sie auch eines: Die Lagerstätten von Öl befinden sich zum großen Teil in Krisenregionen. Das heißt, dass die Versorgung mit Öl langfristig unsicher ist.

Die Beiträge, die Solarenergie, Wind- und Wasserkraft sowie Biomasse zur besseren Energieversorgung der Menschheit liefern können, haben naturgesetzliche und wirtschaftliche Grenzen, die durch noch so intensive Forschung nicht aufgehoben werden können. Ich weise nur auf die gerade in unseren Breitengraden höchst unzuverlässige Sonneneinstrahlung und Windstärke hin.

Auch die Möglichkeit der Effizienzsteigerung bei der Energienutzung stößt an Grenzen. Und eines sollten wir gerade bei den fossilen Energieträgern nicht aus den Augen verlieren: die Verbrennung fossiler Energieträger setzt C02 frei, was zu einer immer größeren Gefahr für die Erderwärmung führt.

Umso wichtiger ist es, andere Alternativen der Energieerzeugung zu erschließen und zu entwickeln. Die Kernfusion ist eine dieser Alternativen! Die kontrollierte Kernfusion könnte eine entscheidende Option für eine nachhaltige, sichere und verträgliche Energiequelle ab dem Jahr 2050 sein. Denn die Kernfusion bietet gegenüber anderen Energieträgern eine Reihe entscheidender Vorteile: Die für den Fusionsprozess nötigen Grundstoffe, Deuterium und Lithium, sind in nahezu unbegrenzter Menge vorhanden und über die ganze Welt verteilt. Das gewährleistet eine krisensichere Energiegewinnung. Bei der Fusion entstehen keine Schadstoffe wie bei der Verbrennung von Kohle, Erdöl und Erdgas. Gegenüber den Kernspaltungsreaktoren, die wir gegenwärtig nutzen, hat die Fusionsenergie den Vorteil der inhärenten Sicherheit. Das heißt, ein Unfall wie in Tschernobyl ist bei einem Fusionsreaktor physikalisch ausgeschlossen. Bei der Fusionsenergie gibt es keine abgebrannten Brennelemente mit ihren langfristigen Problemen. Als Endprodukt entsteht Helium, ein Gas, das auf der Erde natürlich vorkommt und keine Radioaktivität aufweist. Die Baumaterialien des Reaktors, die beim Betrieb radioaktiv werden, können um vieles leichter endgelagert und entsorgt werden als die abgebrannten Brennelemente eines Atomkraftwerks.

Diese Gründe sprechen dafür, alles daranzusetzen, die Fusionsforschung voranzutreiben. Wir können dabei auf einem guten Fundament aufbauen.

Die Erforschung der Kernfusion zur Energiegewinnung begann in Deutschland vor etwas mehr als vier Jahrzehnten. Die Institute in Garching bei München, Karlsruhe, Jülich und seit den 90er-Jahren auch in Greifswald haben weltweit anerkannte Beiträge zur Erforschung der Kernfusion geleistet.

Der europäische Experimental-Reaktor JET in Culham, Großbritannien, mit deutscher Beteiligung gebaut und betrieben, hat gezeigt, dass die Kernfusion möglich ist. Die Aussicht, mit einem Fusionsreaktor elektrischen Strom im Dauerbetrieb zu erzeugen, steht damit auf einer soliden Grundlage.

Auf dem Weg von den theoretischen Grundlagen zur Lieferung von Strom aus einem Fusionsreaktor ist etwa die halbe Strecke zurückgelegt. Deutschland hat einen erheblichen Beitrag zu den bisherigen Erfolgen geleistet. Auch auf dem künftigen Weg wird Europa nur dann mit an der Spitze bleiben, wenn Deutschland die Fusionsforschung im nationalen, europäischen und internationalen Rahmen aktiv betreibt und fördert.

Wir haben bereits sehr viel investiert, sowohl Geld als auch forscherische Pionierarbeit. Hervorragende Wissenschaftler beschäftigen sich in Deutschland seit vielen Jahren mit der Fusionsforschung. Soll das alles umsonst gewesen sein? Und sollen wir bei diesem wichtigen Vorhaben auch unseren europäischen Partnern die Unterstützung aufkündigen? Wollen wir das wirklich alles aufgeben? Gerade jetzt, wo – wie es aussieht – sogar unsere amerikanischen Nachbarn sich wieder an der Erforschung der Kernfusion beteiligen wollen? Lassen Sie uns nicht diesen Fehler begehen! Bedenken Sie eines: Rot-Grün bringt durch seine ablehnende Haltung gegenüber der Fusionsforschung nicht zuletzt auch die Spitzenstellung Europas in diesem Bereich in Gefahr. Da kürzt eine grüne Kommissarin in Brüssel offenbar auf Betreiben ihrer Parteifreunde aus Deutschland den Haushaltsentwurf für die Fusionsforschung im Zeitraum von 2002 bis 2006 um rund 88 Millionen Euro auf 700 Millionen Euro. Das Europäische Parlament erhöht diesen Ansatz, dann auf
800 Millionen Euro und die deutsche Forschungsministerin, SPD, drückt den Ansatz wieder auf 750 Millionen Euro. Das ist nicht nur ein völlig falsches Signal für die Fusionsenergieforschung, sondern geradezu eine Entscheidung zum Schaden Deutschlands: Die Fusionsforschung ist nämlich einer der wenigen Bereiche, bei denen Deutschland mit einem Rücklauf von 40 Prozent Nettoempfänger ist.

Doch wie geht es jetzt weiter? Der nächste Schritt in der Forschung für einen Fusionsreaktor soll die physikalische Machbarkeit eines energieproduzierenden Plasmas beweisen. Dazu soll die Großversuchsanlage ITER-FEAT als gemeinsames Unternehmen der Europäischen Union, Russlands, Japans und Kanadas gebaut werden. Es geht im Moment also konkret um die Frage des Standorts und der Finanzierung. Eines ist klar: Wer den Standort gewinnt, muss einen höheren finanziellen Anteil aufbringen. Im Gegenzug dazu hat er aber auch den größeren Nutzen von den Forschungsergebnissen. Es ist deshalb für mich völlig unverständlich, weshalb die Bundesregierung die Bewerbungen aus Europa so zögerlich unterstützt.

Für die Fusionsforschung und für ITER sprechen auch die deutlichen Hinweise, dass sich die USA, die sich 1997 aus dem Projekt zurückgezogen haben, wieder an ITER beteiligen wollen. Die USA haben in den vergangenen vier Jahren eine Neuausrichtung der Fusionsforschung mit Konzentration auf die Trägheitsfusion verfolgt und sich daher von ITER zurückgezogen. Das neuerliche Interesse der USA an ITER zeigt deutlich, dass dieses Projekt auch in den Augen unserer amerikanischen Nachbarn das erfolgversprechendste Projekt für die Produktion elektrischen Stroms durch Kernfusion ist.

Nach jetziger Planung soll das Nachfolgeprojekt von ITER der Demonstrationsreaktor DEMO werden. Diese Großversuchsanlage soll die technische Machbarkeit eines Fusionsreaktors beweisen.

In jüngster Zeit sieht es sogar so aus, als könnte der bisherige Zeitplan bis zur Stromerzeugung durch Kernfusion unterboten werden. Nach einer von der Gruppe um den britischen Forscher Dr. David King initiierten Diskussion des Fast Track soll DEMO schon 2030 Strom mittels Kernfusion produzieren können. Möglich wäre dies, wenn in der ersten Phase, das heißt bei ITER, zusätzliche Mittel bereitgestellt würden, um die Entwicklung so weit voranzutreiben, dass in der zweiten Phase eine Anlagengeneration übersprungen werden kann und DEMO und der kommerzielle Prototypreaktor zusammengefasst werden können. So könnte die Machbarkeit eines Fusionskraftwerks früher als ursprünglich angenommen demons triert werden.

Angesichts der großen Dringlichkeit für die Entwicklung von neuen umweltfreundlichen und risikoarmen Möglichkeiten der Energieerzeugung muss die Forschung zur Kernfusion verstärkt und nicht zurückgefahren werden, wie dies Rot-Grün gegenwärtig tut. Dass wir dabei auf die Ängste der Bevölkerung Rücksicht nehmen, ist klar. Verringerung von Umweltbelastung und Vermeidung von Risiken haben hohen Stellenwert.

Ich fordere die Bundesregierung daher noch einmal ganz entschieden auf: die Fusionsforschung in Deutschland und Europa mit dem Ziel zu verstärken, Energie mittels Kernfusion noch vor Mitte des 21. Jahrhunderts gewinnen zu können, die Akzeptanz für diese neue Technologie auch in Deutschland durch Information zu fördern und den Anstoß für eine breit angelegte Diskussion zu geben sowie sich nachhaltig dafür einzusetzen, dass der internationale Fusionsreaktor ITER in Europa errichtet wird.

Wir haben gegenwärtig eine einmalige Chance, die richtigen Weichen für die Energieversorgung der Zukunft zu stellen. Ich appelliere daher an die Kollegen aus der Koalition, an unsere Kinder und Enkel zu denken und gemeinsam mit uns für eine verstärkte Förderung der Fusionsforschung einzutreten.

Antrag Kernfusionsforschung für eine zukünftige Energieversorgung (3.11.2000)

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© pawlik; 10. Juni 2002