Herzlich willkommen bei Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) MdB !

Rede im Plenum des Deutschen Bundestages
15. Wahlperiode, 43. Sitzung, Donnerstag, 8.5.2003 zur Kernfusion und Standort Greifswald für ITER: 

Zu Protokoll gegebene Reden zur Beratung der Anträge:

- Zukunftsorientierte Energieforschung - Fusionsforschung in Deutschland und Europa vorantreiben (Drs 15/685)

- Unterstützung für eine Bewerbung des Standortes Greifswald/Lubmin für den ITER (Internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor) (Drs 15/929)

Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) (CDU/CSU): Der Antrag der FDP, der eine verstärkte Förderung der Fusionsforschung in Deutschland und Europa fordert, ist gut. Er könnte von der Union sein. Wir unterstützen den Antrag deshalb. Der Antrag der CDU/CSU ist noch besser. Er fordert die Unterstützung für eine Bewerbung des Standortes Greifswald/Lubmin für den ITER. Über die besondere Eignung des Standortes Greifswald wird der Kollege Michael Kretschmer sprechen. Er wird auch deutlich machen, welch außergewöhnlicher Impuls für Wissenschaft und Wirtschaft von einer Standortentscheidung zugunsten Greifswald ausgehen wird. Ich möchte daher im Folgenden mehr über die Bedeutung der Kernfusion im Allgemeinen sprechen.

Zunächst noch einmal: Was ist die Kernfusion? Die Kernfusionsforschung möchte den Prozess, der in der Sonne natürlich abläuft, technisch auf der Erde zur Stromgewinnung nutzbar machen. Das ist ein sehr ehrgeiziges Vorhaben. Warum brauchen wir die Kernfusion? Es ist unstrittig, dass der Weltenergiebedarf in den nächsten Jahrzehnten steigen wird. Man denke nur daran, was es heißt, wenn Länder wie China und Indien annähernd den Lebensstandard wie Westeuropa erreichen wollen. Auf der anderen Seite sollen fossile Energieträger wegen der CO2-Problematik weniger verbraucht werden. Die Kernfusion bietet die Möglichkeit der Energieversorgung unter günstigen Bedingungen. Der Rohstoff für die Kernfusion ist unbegrenzt und in allen Ländern verfügbar. Es entsteht kein CO2. Im Vergleich zur Kernspaltung gibt es deutlich weniger langlebige und leichter handhabbare radioaktive Abfälle. Außerdem sind Fusionskraftwerke nach den bisherigen Erkenntnissen inhärent sicher.

Wenn wir also die Energieversorgung künftiger Generationen sichern wollen, müssen wir die technische Nutzung der Kernfusion vorantreiben. Gleichzeitig müssen natürlich auch die erneuerbaren Energien mit allem Nachdruck gefördert werden. Die Kernfusion ist keine Alternative, sondern eine Ergänzung zu den regenerativen Energien.

Von den Gegnern der Kernfusion wird ins Feld geführt, die Kernfusion sei eine Großtechnologie, die deshalb keine Zukunft habe, weil es künftig nur dezentrale Energieversorgung gebe. Diese Kritiker übersehen, dass es in Zukunft eher mehr und größere Ballungsräume geben wird als weniger und kleine. Auch Industrien mit hohem Energiebedarf verlangen eher nach großen Energiequellen wie beispielsweise einem Fusionskraftwerk. Schließlich verlangt die Wasserstofftechnologie, die für den KFZ-Verkehr genutzt werden soll, nach leistungsfähigen Energiequellen. Auch hier kann die Kernfusion einen Beitrag leisten. Von Gegnern der Fusionsforschung wird außerdem behauptet, das Wagnis für diese Entwicklung sei zu groß. In der Tat müssen weltweit Milliardenbeträge aufgewendet werden, um in einigen Jahrzehnten diese Energie nutzen zu können. Dem ist aber entgegenzuhalten, dass kein Forschungs- und Entwicklungsvorhaben ohne Wagnis ist. Ohne Wagnisbereitschaft hätte Kolumbus nie Amerika entdeckt. Außerdem sprechen die mittlerweile vorliegenden Versuchsergebnisse dafür, dass die Kernfusion mit aller Wahrscheinlichkeit technisch zur Stromerzeugung nutzbar ist. Sie ist eine Option für die Zukunft. Nach meiner Meinung ist es auch eine faszinierende Aufgabe, für die sich gerade junge Menschen begeistern könnten.

In der Kernfusionsforschung ist jetzt eine Entscheidung über ITER notwendig. Dieses internationale Projekt soll die Möglichkeit der Kernfusion im großtechnischen Maßstab beweisen. ITER soll in internationaler Zusammenarbeit von EU, USA, Japan, Russland, Kanada und China gebaut werden. Es wäre zum Schaden Deutschlands, wenn wir an diesem Projekt nicht beteiligt wären. Technisches Wissen und Können würde von uns abwandern. Die Chancen, später weltweit am Bau von Kraftwerken beteiligt zu werden, würden sinken. Aus diesen Gründen haben wir auch großes Interesse daran, dass ITER in Europa gebaut wird.

Es ist aber nicht nur notwendig, bei ITER angemessen beteiligt zu sein. Wir müssen auch in der nationalen Forschung und Entwicklung die Spitzenstellung, die sich die Institute in Garching, Greifswald, Karlsruhe und Jülich erarbeitet haben, erhalten und ausbauen. In Deutschland sind wesentliche Elemente für ITER entdeckt und entwickelt worden. Wir sollten auch dabei sein, wenn die wirtschaftliche Nutzung beginnt. Deshalb müssen wir uns gleichzeitig um eine angemessene Beteiligung an ITER bemühen und unsere nationalen Fähigkeiten in der Kernfusionsforschung halten oder – noch besser – ausbauen.

Von den Gegnern der Kemfusionsforschung wird immer wieder ins Feld geführt, dass die Ergebnisse zu lange auf sich warten lassen. Diese Gegner verkennen, dass sich die Entwicklung auch beschleunigen lässt, wenn alle Beteiligten dies wollten. Es ist jedenfalls unredlich, der Fusionsforschung Verzögerungen vorzuwerfen, die man selbst im politischen Feld verursacht hat.

Nach wie vor ist unverständlich, warum grüne Ideologen die Kernfusion, die eine umweltfreundliche, sichere und preiswerte Energieversorgung verspricht, bekämpfen. Wenn man allerdings den Weg mancher Grünen – von der Forderung zur Abschaffung der Bundeswehr bis zum Einsatz in Afghanistan – betrachtet, können wir, so denke ich, auch in der Kernfusionsforschung noch hoffen. Ich appelliere aber ganz besonders an diejenigen in der Koalition, die Realitätssinn mit der Fähigkeit zu Visionen verbinden: Lassen Sie uns gemeinsam im Interesse unserer Kinder und Enkel die Kernfusionsforschung vorantreiben als Option für eine sichere, umweltfreundliche und kostengünstige Energiequelle der Zukunft! Mit der Bewerbung Greifswalds für den ITER sollten wir ein Zeichen setzen.

 

Hierzu Antrag im Bundestag :Unterstützung für eine Bewerbung des Standortes Greifswald/Lubmin für den ITER (internationaler Thermonuklearer Experimenteller Reaktor (6.5.2003), Dr. Mayer einer der Antragsteller der CDU/CSU-Fraktion (pdf)

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 pawlik 20. Mai 2003