Herzlich willkommen bei Dr. Martin Mayer (Siegertsbrunn) MdB !

 

Zukunftsforum: "Der Mensch und die Zukunftstechnologien - Technologiepolitik für die nächste Generation"

Podiumsdiskussion: Technologiepolitik zwischen HighTech und HighTouch

"Über den Umgang mit Risiken und Ängsten: Ethische Aspekte und gesellschaftliche Verantwortung bei Wissenschaftlern und Ingenieuren"

Mittwoch, 27. Juni 2001 · Hanns-Seidel-Stiftung e.V. und VDE · in Berlin, Hotel Maritim proArte

 

Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen.

Was alle angeht können nur alle lösen. (Dürrenmatt in seinen '21 Punkte zu den Physikern', 1962.)

Dies gilt nicht nur für die Physik, sondern für den gesamten Fortschritt in Wissenschaft und Technik, der immer mehr Lebensbereiche erfasst und auch immer mehr Ängste weckt. Statt Physik kann man auch Kernenergie, Biotechnologie, Automobile, Transrapid oder Mobilfunk sagen. Unternehmen, die den Fortschritt vorantreiben, und Wissenschaftler und Ingenieure, die darin tätig sind, haben über die Entwicklung von Produkten und Diensten mit ihren wirtschaftliche Zielsetzungen hinaus eine Gesamtverantwortung für die Auswirkungen auf die Allgemeinheit zu übernehmen.

Ich will das am Beispiel Mobilfunk und Elektrosmog einmal deutlich machen.

Nicht erst seit heute gilt, dass eine Entwicklungsarbeit erst dann vollständig gelöst ist, wenn der Nutzen für den Verbraucher deutlich wird und gleichzeitig alle Anforderungen des Umweltschutzes im Lebenszyklus erfüllt sind. Das ist beim Mobilfunk der Fall. Es gibt ein großes Bedürfnis nach mobiler Kommunikation und die Auflagen des Umweltschutzes sind erfüllt. Dennoch stehen wir vor einer bedrohlichen Situation. Gegen die Neuaufstellung von Sendemasten bilden sich in immer mehr Gemeinden immer neue Bürgerinitiativen. Im Vorfeld von Kommunalwahlen beobachten wir einen Wettbewerb der Gruppierungen und Parteien in der Fürsorglichkeit für den Bürger, aus dem eine Lawine zu werden droht, die die weitere Entwicklung ernsthaft behindert.

Wie kann dem begegnet werden? Die Stichworte lauten mehr Forschung über die Auswirkungen und möglichen Gefährdungen, verbesserte Kommunikation und Transparenz.

Im Falle des Elektrosmogs gibt es nachdrückliche Forderungen, in Deutschland mehr eigene Forschung über die Auswirkungen zu betreiben. Die Grenzwerte sollten noch mehr als bisher wissenschaftlich untermauert werden. Mindestens genauso wichtig wie eine verstärkte Forschung ist allerdings die Darstellung der Ergebnisse, so dass sie für den Laien verständlich sind.

Die aufgeschreckten Mütter in der Nähe eines Mobilfunkstandorts sind jedenfalls nicht dadurch zu beruhigen, dass ein hervorragender Techniker ohne pädagogisches Geschick und ohne Diskussionserfahrung mit schwer verständlichen technischen und wissenschaftlichen Begriffen versucht, die Bedenken zu zerstreuen.

Verantwortlicher Umgang mit neuen Techniken schließt ein, dass ich mögliche Gefahren mit Betroffenen offen diskutiere. Das schließt eine offene Diskussion über die Begründung der Grenzwerte und über Kriterien der Standortwahl mit ein. Ein besonders schwerwiegendes Problem ist dabei, dass wissenschaftliche Untersuchungen im allgemeinen mit Formulierungen abschließen, "ein Nachweis der vermuteten (oder befürchteten) schädlichen Wirkung konnte nicht erbracht werden". Mit diesen oder ähnlichen Formulierungen, die immer ein Restrisiko offen lassen, werden wir leben müssen.

Wer die Bürger für seine Ziele in der Hochtechnologie gewinnen will, der muss sie mitnehmen und Restrisiken der Hochtechnologie mit Erfahrungen im alltäglichen Leben vergleichen und verknüpfen. Das ist eine Aufgabe, bei der Naturwissenschaftler und Ingenieure die Hilfe von Pädagogen, Psychologen und Soziologen in Anspruch nehmen sollten.

Die Aufgabe, Hochtechnologie und Menschlichkeit zusammenzuführen, kann nicht allein den Forschern du Entwicklern überlassen bleiben. Die Politik hat die Rahmenbedingungen festzulegen, dass HighTech stattfinden kann und HighTouch nicht vergessen wird. Das ist nicht immer einfach. Ich will dazu ein Beispiel aus der Biotechnologie bringen, die in der Forschung zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Ein aktuelles Beispiel ist die Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen zur Gewinnung neuer Erkenntnisse für die Medizin. Wer hat da nicht Ängste, dass wir eine Grenze überschreiten, die der Manipulation des Menschen Tür und Tor öffnet?

In Deutschland wurde deshalb die Forschung an Embryonen durch das Embryonenschutzgesetz ab 1991 verboten. Damals dachte niemand daran, dass Wissenschaftler in den USA, Großbritannien, Australien und anderen Ländern einige Jahre später aus Embryonen embryonale Stammzellenlinien gewinnen und daraus wichtige Erkenntnisse für die Medizin erhalten. Wissenschaftler der Bonner Universität möchten nun das Gleiche tun. Die Politik ist daher gefordert, für die Zukunft zu klären, ob und unter welchen Bedingungen in Deutschland diese Forschung erlaubt werden kann.

Die Diskussion in der Wissenschaft zwischen Biologen, Theologen und Philosophen über die Zulässigkeit der Forschung an embryonalen Stammzellen des Menschen ist voll im Gange. Der Entscheidungsprozess muss aber ein politischer Prozess sein. An ihm sollten sich möglichst viele Mitbürger beteiligen. Je intensiver diese Diskussion geführt wird und je klarer sie auf die Ängste der Menschen eingeht, um so eher kann sie diese Ängste abbauen und zu einem Ergebnis führen, das breite Akzeptanz findet.

 

Begriffe:

Ethik = Lehre vom sittlichen oder moralischen Verhalten des Menschen, Sittenlehre, Beschäftigung mit moralischem Phänomenen und mit Werten.

Ethisches Handeln ist verantwortliches Handeln. Es bedeutet, nicht nur das eigene Wohl, sondern auch das der Anderen vor Augen zu haben.

Der englische Begriff HighTouch bedeutet so viel wie 'Vergesst die Menschen nicht.'

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© pawlik; 4. Juli 2001